Mehr Yin, weniger Yang: Warum wir mehr Feminismus im Yoga brauchen

Vorab: In diesem Artikel geht es darum, wie Yoga in den Westen kam und was daraus wurde, als sich eine Mainstream-Yogaszene herausbildete. Ich möchte klarstellen, dass es nicht meine Intention ist, Yoga im Westen bloßzustellen. Im Gegenteil, ich traue der Yogaszene, um die es hier geht und zu der ich mich selber zähle, mehr zu. Viel mehr. Aber fangen wir am Anfang an.

Die Adaption von Yoga im Westen

Yoga ist eine Lehre aus Indien, deren erste Erwähnung bis auf die Jahre 700 v. Chr. zurück geht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete sich das Moderne Yoga heraus, welches das Üben von Asana in der Yogapraxis stark betont. In den den 1990ern brach dann zunächst in den USA und später in Europa ein wahrlicher Yogaboom aus. Aufgrund der gesellschaftlichen Unterschiede, wie zum Beispiel dem Kastensystem oder der Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft, war es damals und ist es bis heute unmöglich, Yoga in seiner philosophischen Tradition und Praxis auf die westliche Gesellschaft zu übertragen. Dies wäre sicherlich auch nicht sehr erstrebenswert. Und dennoch hat sich die Yogaszene im Westen nicht neu erfinden müssen. Sie hat sich vielmehr in das vorherrschende Gesellschaftssystem eingeordnet und sich damit einem neoliberal-kapitalistischen und männlichen Wertesystem untergeordnet.

Männlich/ Weiblich – eine Begriffsbestimmung

Dem letzten Punkt liegt der Gendanke zu Grunde, dass in jedem Menschen gegensätzliche Kräfte herrschen, dem so genannten weiblichen und männlichen Prinzip. Kurz gesagt, handelt es sich beim männlichen Prinzip um das Prinzip des Tuns (machen, aktiv sein, kämpfen, siegen, entscheiden, stark sein). Das weibliche Prinzip – das Prinzip des Seins – ist zum Beispiel geprägt vom Fühlen und Empfangen sowie der Praxis, Gemeinschaften zu bilden. In der traditionellen Chinesischen Medizin werden diese beiden Pole auch als Yin und Yang bezeichnet. Im Yoga bezeichnen Ida und Pingala diese zwei gegensätzlichen energetischen Pole. Im Hatha Yoga findet sich diese Anschauung bereits im Namen wieder: Ha steht für die Sonne, Tha für den Mond. Hatha Yoga zu praktizieren, bedeutet, die eigene Sonnen- und Mondenergie zu harmonisieren. Beide Prinzipien herrschen also in jedem Menschen, sind jedoch jeweils unterschiedlich stark dominant. Es geht also nicht um eine biologische, sondern vielmehr um eine ethische Unterscheidung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip. Es geht auch um die Feststellung, dass in unserer Gesellschaft ein Ungleichgewicht zu Gunsten des männlichen Prinzips herrscht. Nämlich in der Form, dass Effektivität und Stärke durch die kapitalistische und neoliberale Logik belohnt werden und zugleich weibliche Werte als schwach oder als nice to have wahrgenommen werden.

Das männliche Prinzip setzt sich durch

Messbarkeit, Kognition, Risikobereitschaft, Erfolgsstreben – Alles Attribute des männlichen Prinzips. Schaut man auf die Entwicklung von Yoga im Westen, so fällt auf, dass sich diese in Yogaland durchgesetzt haben: Mit der Yoga Alliance gab es schnell eine Organisation, welche zwar eher durch Zufall, als überlegt entstanden war, jedoch gewisse (messbare) Standards setzen und vermeintlich legitimieren konnte und es bis heute tut. So gut wie alle Yogalehrenden sind heute selbstständig, wobei hier erwähnt sein soll, dass die meisten Yoga neben ihrem anderen, festen Job unterrichten. Dies hat seinen Grund: Möchte man sich im hart umkämpften Yogamarkt über Wasser halten, muss man bereit sein, viel zu riskieren, wenig zu verdienen und umso mehr zu arbeiten. Einzelne Yogalehrende – im Verhältnis zur eher weiblich dominierten Yogawelt überproportional viele Männer – stiegen gleichzeitig immer weiter die Erfolgsleiter hinauf und jetten heute um die Welt, geben Workshops, Immersions und Masterclasses. So wirbt beispielsweise die Yoga Conference Hamburg mit einem Programm, bei dem einzelne Yogalehrende wie Superstars in einem international besetzten Lineup aufgeführt werden.

Gleichzeitig sind die moralischen Prinzipien im Yogaland hoch angesetzt. Ein Weg, der über Güte, Introspektion und Zurückhaltung geht, wird angestrebt. Gemeinsamer Tenor: Wir haben alle die selbe Erfahrung und daher mehr Grund, uns zu verbinden, als Angst zu haben. Im Grunde seien wir ja alle eins. Und so sehr ich wünschte, es wäre wirklich so, muss ich leider sagen, dass ich Aussagen in diese Richtung für scheinheilig halte. Nicht, weil ich das Streben danach verurteile. Ganz im Gegenteil, ich fordere dies sogar ein.

Dennoch müssen wir ehrlich sein und feststellen: Wer mehr Wille und Geld hat, kann im Bourdieu’schen Sinne – das heißt aufgrund der eigenen Vorausstattung mit sozialem, ökonomischem und kulturellem und Kapital – mehr davon anhäufen und es damit in der Yogawelt zu mehr bringen. In der Soziologie dient die eben erwähnte Theorie Bourdieus auch zur Erklärung des Erhalts von Klassenunterschieden und damit von Ungleichheit. Also eigentlich das Gegenteil von wir sind alle eins. Ein Wochenendticket für die Yoga Conference Hamburg kostet by the way 249 Euro, Last Minute mehr.

Ein neues Wertesystem

Ein weiteres interessantes Phänomen sind die vielen Ratgeber darüber, wie man sein Yoga vermarkten kann. Dabei geht es häufig darum, dass in der Logik des ethischen Geschlechts gesprochen, Männer den Frauen erklären, dass Marketing & finanzieller Erfolg an sich nichts Schlimmes sind. Sind sie auch nicht. Das wäre einseitig. Nur, wo sind die Ratgeber, die erklären, dass es nicht nur darum gehen darf? Letzteres würde wahrscheinlich jede*r Yogini oder Yogi unterschreiben, wenn er oder sie danach gefragt wird. Doch was würde konkret in so einem Buch stehen?

Auf diese Frage kann es keine einfache Antwort geben. Wenn, dann kann diese nur individuell erfolgen, denn eine nicht kapitalistische Welt, die Erfolge nicht durch die oben genannten männlichen Attribute befördert, sondern Gemeinschaft, Intuition, Vertrauen oder Geschehen lassen – alles Eigenschaften des weiblichen Prinzips – belohnt, gibt es noch nicht. Ein Vertreten weiblicher Werte kommt daher auch mal schnell als weltfremd daher, da es im Sinne des Kapitalismus schlicht weniger erfolgreich ist.

Zugegeben: Ich kann diesem Vorwurf teilweise etwas abgewinnen. Nämlich dann, wenn Yoginis oder Yogis still auf ihrer Matte sitzen und glauben, dass, wenn sie bestimmte Qualitäten in sich selber befördern, sich die Welt von ganz alleine ändert. Ich glaube, dass das nicht funktioniert. Ich glaube aber, dass es an der Zeit ist, aktiv das Weibliche zu betonen. Ehrlich und ohne Ausflüchte die Frage zu stellen: Wie könnte eine Yogawelt aussehen, in der es nicht in letzter Instanz um (finanziellen) Erfolg geht? Warum? Weil wer, wenn nicht wir Yoginis und Yogis zeigen können, wie wir uns bewusst gegen Werte entscheiden, die Ungleichheit und Diskriminierung befördern. Wenn wir Kooperation vor Konkurrenz setzen, Intuition neben Kognition stehen lassen, Integration und keine Exklusion betreiben und Liebe statt Macht leben.

Warum wir Yoginis und Yogis Feminist*innen werden sollten// Do it!

Yoginis & Yogis, ich weiß, dass wir es besser können. Yoginis, ich weiß, dass wir Frauen mehr wissen, mehr Kraft haben, als uns häufig zugestanden wird und wir uns manchmal selbst zugestehen. Lasst uns doch bitte anfangen, darüber zu sprechen. Lasst uns neue, intelligente, weibliche Aktions- und Artikulationsformen von Yoga in unserer westlichen Gesellschaft finden. Lasst uns uns gegenseitig stützen. Lasst uns einen Quantensprung einfordern! Lasst uns die Frage stellen: Wie kann feministisches Yoga aussehen?

Was es nicht braucht, sind mehr weiße, männliche Yoga-Superstars. Was es braucht, sind mutige und kritische Menschen, die neue Wege finden, um das, was Yoga eigentlich sein soll, nicht nur zu predigen, sondern in die Welt zu tragen und dadurch zumindest die Yogawelt neu zu formen. Selbstredend keine Frage, ob Mann oder Frau. Denn natürlich brauchen wir dafür sowohl das männliche als auch das weibliche Prinzip. Aber lasst es uns Yogi*nis doch bitte zu unserer Aufgabe machen, dass wir uns über unser Tun und unsere Privilegien bewusst werden und hinterfragen: Das maskuline Prinzip ist im Yoga dominant. Wo bleibt das Feminine, das wir Yoginis und Yogis brauchen?

Das die Welt so dringend braucht.

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